Das Leben des
Dr. Raimund Margreiter

Der atemberaubende Werdegang vom Assistenzarzt bis zum Vorstand der Innsbrucker Universitätsklinik für Chirurgie. Als „Autodidakt“ begann Dr. Raimund Margreiter mit Nieren- und Lebertransplantationen und führte später z. B. kombinierte Herz-, Lungen-, Darm- und sogar Hand- und Unterarmtransplantationen durch. „The only transplant surgeon who has done it all“, sagt man in der internationalen Fachwelt über ihn. Neben diesen aufsehenerregenden Organverpflanzungen war er ein vielseitiger Chirurg. Er leistete vor allem in der Tumorchirurgie viel und engagierte sich auch sehr für die Grundlagenforschung.

// Herr Professor Margreiter, Sie gelten als Pionier der modernen Medizin in Österreich und Europa. In der Transplantationschirurgie haben Sie mit mutigen Operationen Geschichte geschrieben. Was hat Sie angetrieben?
Dr. Margreiter: Mut stand dabei eher nicht an erster Stelle. Als ich nach dem Studium als Assistenzarzt an der Chirurgie der Innsbrucker Universitätsklinik angefangen habe, gab es dort einen gewissen Handlungsbedarf. Der erste Oberarzt in der Abteilung für Gefässchirurgie wollte ein Nierentransplantationsprogramm aufbauen und hat mich gefragt, ob ich mitmachen würde. Ich war bekannt als jemand, der fleissig war, anpackte und was bewegt hat. Diesen Ruf hatte ich damals schon.

// Wie alt waren Sie?
Dr. Margreiter: Ich war mit 31 Jahren noch relativ jung. Es war für mich eine Ehre, in so jungen Jahren bei einem solchen Programm mitwirken zu können. Wir haben einem Ärzteteam in München zugeschaut, wie sie bei Transplantationen vorgegangen sind. Da haben wir uns gesagt: „Das können wir auch!“ Es mussten in Innsbruck allerdings noch viele Vorbereitungen getroffen werden. Ausgerechnet dann hat der Oberarzt, der mich in das Programm geholt hat, ein Stipendium bekommen und ist für ein Jahr in die USA gegangen.

// Was haben Sie gemacht?
Dr. Margreiter: Wir vereinbarten, dass ich alles vorbereite. Nach seiner Rückkehr wollten wir dann mit dem klinischen Programm starten. Er kam nach einem Jahr auch zurück, hat sich aber mit der Klinikleitung überworfen und die Klinik verlassen. Damit stand ich alleine da, ohne Unterstützung, ohne Infrastruktur, blutjung. Und nicht alle in der Klinik waren von dem Vorhaben begeistert. Auf der anderen Seite hatte ich viel Arbeit in die Vorbereitungen investiert und ich wollte nicht, dass das umsonst war.

// Wie haben Sie das Projekt gerettet?
Dr. Margreiter: Es gab drei Ärzte, die bereit waren, mir zu helfen. Wir hatten aber sonst keine Unterstützung und ich hatte kein Weisungsrecht, alles lief auf freiwilliger Basis. So haben wir angefangen zu transplantieren. Sie hatten eingangs ja gefragt, was mich angetrieben hat. Wenn ich etwas anfange, dann will ich das auch erfolgreich zu Ende bringen. Das ist uns gelungen. Nach einer Weile gehörte unser Transplantationsprogramm zu den besten der Welt.

// Ihre medizinischen Erfolge sind legendär. Sie sind weltweit der einzige Chirurg, der alle sogenannten soliden Organe transplantiert hat, von der Niere bis zum Herzen.
Dr. Margreiter: Die ersten drei Transplantationen waren chirurgisch erfolgreich, allerdings sind die Organe abgestossen worden. Aber das haben wir dann gut in den Griff bekommen. Die fünfte Niere vom Jahr 1975 funktioniert auch heute noch, 46 Jahre später. Unser Wissen haben wir schliesslich auch auf andere Organtransplantationen angewendet. Zunächst die Leber, dann die Bauchspeicheldrüse und 1983 das Herz. In dem Jahr hatten wir auch die weltweit erste kombinierte Leber-Nieren-Transplantation erfolgreich vorgenommen. Auch dieser Patient lebt heute noch.

// Die Erfolge haben offenbar angespornt, weiter nach neuen und besseren Therapien und Behandlungen zu forschen.
Dr. Margreiter: Damals entstand die Vision, eine Abteilung aufzubauen, in der Ersatz für jede Form von Organversagen geschaffen wird, sei es temporär – also für eine bestimmte Zeit, bis das Organ sich wieder erholt hat – oder permanent, was dann in der Regel zu einer Transplantation führt. Und das ist uns auch gelungen. Wir haben eine künstliche Leber entwickelt und auch ein künstliches Herz, die aber beide aus Geldmangel nie bis zur Produktreife gelangten. Dann haben wir mit den käuflichen Geräten gearbeitet. Mit dieser Abteilung haben wir ein Alleinstellungsmerkmal erreicht – das hat sonst niemand gemacht.

// Herr Professor Margreiter, Sie entstammen einer Medizinerfamilie. War für Sie schon immer klar, dass Sie einmal Arzt werden würden?
Dr. Margreiter: Fünf meiner Vorfahren vom Grossvater weg waren Ärzte. Und weil ich denselben Vornamen wie mein Grossvater trage, haben viele gesagt: Das wird mal der neue Fügener Doktor. Als ich dann vor der Matura stand, dachte ich daran, vielleicht Jura oder Architektur zu studieren. Schliesslich habe ich mich dann doch lieber für Medizin entschieden. Vor meiner Promotion machte ich noch ein Praktikum in der Chirurgie und dort hat man mich gebeten, länger zu bleiben. Mir hat es so gut gefallen, dass ich mich entschlossen hatte, Chirurg zu werden.

// Mehr zu Ihren zahlreichen Erfolgen kann jeder in Ihrer bereits erschienene Biographie mit dem Titel „Ein Leben für die Chirurgie“ nachlesen. Ihre knapp bemessene Freizeit mit waghalsigen Bergtouren war aber auch reichlich abenteuerlich, oder?
Dr. Margreiter: 
Die Medizin war immer das Zentrum meines Lebens und 1969 hatte ich das grosse Glück, zu einer Expedition nach Südamerika eingeladen zu werden, zu einer Bergbesteigung in den Anden. Wenn man eingeladen wird, an einer Expedition mit den besten Bergsteigern teilzunehmen, tut man sich schwer, nein zu sagen. Die Expedition war auch erfolgreich, deshalb schlossen sich weitere Einladungen an. Solche Aktivitäten waren für mich aber immer nur Nebensache und beschränkt auf die offizielle Urlaubszeit. Nur einmal habe ich da eine Ausnahme gemacht.

// Was war die Ausnahme?
Dr. Margreiter: Eine Himalaya-Expedition mit Reinhold Messner und Peter Habeler zum Mount Everest. Dafür hatte ich extra unbezahlten Urlaub genommen.

// Genau genommen haben Sie dabei aber auch gearbeitet. Bergsteiger erzählen gerne die Geschichte, dass Sie damals einem verunglückten Sherpa mit einer Not-OP das Leben gerettet haben. Wie kann man in einer derart lebensfeindlichen Umgebung operieren?
Dr. Margreiter: 
Der Sherpa hatte sich bei einem Sturz in eine 45 Meter tiefe Gletscherspalte eine offene Schädelbasisfraktur zugezogen. Dazu kamen andere Frakturen am rechten Arm, am linken Oberschenkel und am Brustkorb. Er hat überlebt. Allerdings ist die Umgebung dort nicht so unwirtlich, wie Sie vielleicht glauben. Das Basislager liegt zwar auf 5.400 Metern, es war aber genug Platz in einem Zelt, um den Sherpa hinzulegen und zu versorgen. Wir hatten auch die nötigen Instrumente und Medikamente dabei.

// Herr Professor Margreiter, die Medizin hat sich nicht zuletzt durch Persönlichkeiten wie Sie in den vergangenen Jahrzehnten unglaublich weiterentwickelt. Was raten Sie jungen Leuten, die heute Arzt werden wollen?
Dr. Margreiter: In der Chirurgie ist genauso wie in vielen anderen Fachrichtungen eigentlich fast alles schon gemacht worden. Im Jahr 2000 haben wir zum Beispiel auch schon Hände transplantiert. Der Fortschritt kommt heute aus dem Labor, da finden die spannenden Entwicklungen statt, die in neue Therapien münden. Ich kann jedem jungen Menschen nur empfehlen, sich in diesem Feld zu engagieren.

// Ist in der durchtechnisierten und durchdigitalisierten Welt von heute auch noch genug Platz für Pioniergeist?
Dr. Margreiter: Durchaus. Dieser Pioniergeist muss tatsächlich vor allem in den Laboren ausgelebt werden, da gibt es noch sehr viel zu tun. Ich gehe davon aus, dass dort die Medizin in etlichen Bereichen völlig neu geschrieben wird. Nehmen Sie nur die Fortschritte in der Onkologie, die sind gewaltig. Die Chancen sind da, Sorgen macht mir eher eine zunehmend verbreitete Einstellung beim Nachwuchs.

// Was konkret stört Sie?
Dr. Margreiter: Gerade eine operative Disziplin wie die Chirurgie macht nur dann richtig Spass, wenn man richtig gut ausgebildet ist und komplikationsarm operiert. Angesichts bestehender Arbeitszeitvorschriften ist es aber kaum möglich, eine breite und fundierte Ausbildung zu bekommen. Dazu kommt ein ausgeprägter Drang zu Work-Life-Balance. Ich weiss von Klinik-Abteilungen, in denen die Hälfte der Ärzte nur noch 20 Stunden in der Woche arbeitet, weil sie im Winter lieber Skitouren machen und im Sommer klettern oder Rad fahren. Auf diese Weise verkommt die Medizin zum Job. Wir brauchen in der jungen Generation ein anderes Mindset, wie man heute gerne sagt. Nur dann kann man in der Medizin auch Spitzenleistungen erzielen.

// Vielen Dank, Herr Professor Margreiter, für das höchst interessante Gespräch und Ihre Zeit.

Das Leben des Dr. Raimund Margreiter

01.02.2022

Der atemberaubende Werdegang vom Assistenzarzt bis zum Vorstand der Innsbrucker Universitätsklinik für Chirurgie. Als „Autodidakt“ begann Dr. Raimund Margreiter mit Nieren- und Lebertransplantationen und führte später z. B. kombinierte Herz-, Lungen-, Darm- und sogar Hand- und Unterarmtransplantationen durch.

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