Dirk Ippen

Dirk Ippen

// Herr Ippen, von Martin Luther stammt das Zitat „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Würden Sie heute, in Zeiten von Corona und Digitalisierung, noch eine Zeitung gründen?

Dirk Ippen: Eine schwere Frage. So, wie wir es früher gemacht haben, würde ich es sicher nicht tun. Aber vielleicht auf kleiner Flamme, schliesslich ist das Interesse für lokale Themen ja nach wie vor vorhanden. Das sehe ich an unseren kleinen Zeitungstiteln. Die Menschen in den Regionen sind stolz, wenn sie noch eine eigene Zeitung haben. Und die Geschäftsleute in den Regionen schalten da auch ihre Anzeigen. Natürlich genügt es nicht mehr, Zeitungen auf Papier zu drucken, denn jetzt muss man multimedial operieren. Trotzdem mache ich mir über die Lage der Branche keine Illusionen. Der Weg der Zeitungen geht seit langem von der Masse zur Nische.

// Viele sehen die Medienbranche in einer schweren Krise: Erst habe die Digitalisierung die Geschäftsmodelle unter Beschuss genommen und anschliessend habe Corona die Anzeigenerlöse gedrückt. Wie sehen Sie die Lage?

Dirk Ippen: Corona hat eine Entwicklung, die schon seit langem anhält, noch einmal beschleunigt. Die Anzeigenerlöse sind zusätzlich unter Druck geraten, weil einige traditionelle Inserenten lokaler Tageszeitungen, etwa Kaufhäuser, durch den Wandel zum E-Commerce Umsatz verloren haben und deshalb weniger Werbung schalten. Dazu kommt, dass Zeitungen vor allem ältere Leser haben, Werbekunden aber auch die Jungen erreichen wollen. Das funktioniert über digitale Medien und soziale Netzwerke offensichtlich besser. Man darf sich keine Illusionen machen, das Printgeschäft wird schwächer. Deshalb gibt es in Deutschland heute kein grösseres Verlagshaus, das nicht auch massiv in der digitalen Welt aktiv ist. Aber die Herausforderung ist schon extrem.

// Dr. Dirk Ippen, geboren 1940, studierte Rechtswissenschaften in Freiburg, Hamburg und Münster und promovierte 1967. Seit 1968 war er zunächst als Chefredakteur und später als Geschäftsführer und Herausgeber beim „Westfälischen Anzeiger“ tätig. Heute ist er Verleger der Münchener Zeitungs-Verlag GmbH & Co. KG München, die über 100 verschiedene Zeitungstitel zu ihrem Portfolio zählt. Ihre Verlagsgruppe kommt ja relativ gut durch die schwierige Situation. Was machen Sie besser?

Dirk Ippen: Meine Gruppe ist ja aus vielen kleineren und mittleren Regionalzeitungen aufgebaut worden, Grossstadtzeitungen hatten wir nicht. In den früheren Jahren florierten aber besonders die Grossstadtzeitungen wegen des Rubrikengeschäfts, die Lokalblätter kamen bescheidener daher. Heute ist das Rubrikengeschäft nahezu verschwunden. Und die kleineren Titel, die aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten traditionell schlanker aufgestellt waren, stehen jetzt natürlich besser da, weil sie nicht den Kostenapparat haben, den die Grossstadttitel mühsam abbauen müssen. Dass wir diesen ganzen Apparat so nie hatten, erweist sich jetzt als Vorteil.

// Dazu kam sicherlich auch eine Portion aktives Management.
Dirk Ippen:
Das stimmt. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass dies bei inhabergeführten Unternehmen, die sich nicht in zahllosen Gremien abstimmen müssen, leichter fällt. Familienfremde Manager können durchaus tüchtig sein. Ich sehe bei manchen Häusern aber auch, wie Manager dort ständig Schularbeiten für ihre Aufsichtsräte und Gesellschaftervertreter-Versammlungen machen müssen. Eine inhabergeführte Gruppe tut sich da schon etwas leichter, Entscheidungen schnell zu fällen und umzusetzen.

// Vielleicht gibt es in der Branche aber auch noch zu viele Schönwetterkapitäne, die von den alten Zeiten träumen, als zweistellige Umsatzrenditen die Regel waren?
Dirk Ippen:
[lacht] Das Urteil ist mir ein bisschen zu hart. Letztlich trifft das ja auf uns alle zu. Die Zeitungsbranche war in früheren Jahren masslos verwöhnt. Eine Zeitung in einem bestimmten Gebiet zu haben, war ja fast wie eine Art Geschenk vom lieben Gott. Auch durchschnittliche Verleger, die sich nebenbei noch mit anderen schönen Dingen des Lebens beschäftigt und nicht auf die Kosten geachtet haben, konnten damals erfolgreich sein. Und die Tüchtigen waren dann noch viel erfolgreicher.

„Tempi passati ...“

Dirk Ippen: Allerdings, die Märkte haben sich massiv verändert. Für die heutigen Verlagsmanager ist das eine gewaltige Herausforderung.

// Sie haben immer wieder angeschlagene Blätter aufgekauft und auf Kurs gebracht, den „Münchner Merkur“ zum Beispiel oder die „Frankfurter Rundschau“. Gibt es jetzt wieder gute Kaufgelegenheiten?

Dirk Ippen: Die Kölner Gruppe stand ja lange im Schaufenster. Und wenn die Anzeigen-Flaute so weitergeht, wird man sicher noch mehr Zeitungen kaufen können. Ob es sich um gute Kaufgelegenheiten handelt, stellt sich erst später heraus. In Amerika erleben wir gerade ein eher abschreckendes Beispiel. Da kauft eine Investorengruppe angeschlagene Zeitungen auf und geht damit dann um wie ein Abbruchunternehmen. Die haben eine grosse Regionalzeitung erworben und dann erst mal die Belegschaft halbiert.

Und so ging es dann weiter. Die verdienen zwar Geld, mit meinem Verständnis von Medien und dem Umgang mit Journalisten hat das aber nicht mehr viel zu tun. Restrukturierer und Sanierer sind selten beliebt.

Hier hatten wir gottlob nie solche Verhältnisse. Natürlich konnte ich den „Münchner Merkur“ nur erwerben, weil der damals in Schwierigkeiten war. Das waren aber hausgemachte Schwierigkeiten. Wir mussten da auch Personal reduzieren, das Haus besser aufstellen und die Mitarbeiter neu motivieren. Aber heute ist in den Zeitungen ja schon vieles runtergespart.

// Für Sie standen immer die Leserinnen und Leser in den Regionen an erster Stelle. Haben viele andere Verlage das vernachlässigt?
Dirk Ippen:
Mit Sicherheit, allerdings hatten die dafür einen ehrenwerten Grund. Als ich junger Verleger war, erfuhren die meisten Menschen die Weltpolitik aus den Grossstadtzeitungen. Deren Herausgeber waren vor allem auf den Politik-Teil ihrer Zeitungen stolz, das Lokale spielte keine bedeutende Rolle. Bei uns war das naturgemäss anders. Wenn Sie Verleger einer Lokalzeitung sind, müssen Sie zwar auch die Weltpolitik abdecken. Die Zeitung gibt es vor allem aber wegen der Lokalberichterstattung. Wir haben deren Bedeutung immer schon gesehen, mehr noch: Wir haben versucht, den Leser zu umarmen. Eigentlich haben wir damals in den Zeitungen das vorweggenommen, was heute Facebook macht, also Community-Building, wie man neudeutsch sagt.

// Herr Ippen, Sie mischen sich mit inzwischen bald 80 Jahren immer noch ein, schreiben Kolumnen und Beiträge. Halten Sie sich an das alte Journalistenmotto „Wer schreibt, der bleibt“?
Dirk Ippen:
[lacht] Ja, das Schreiben hat mir schon immer Freude bereitet. Dadurch bin ich auch mit sehr vielen Lesern ins Gespräch gekommen. Das Feedback ist oft hilfreich. Ich erfahre von den Lesern Dinge, die mir immer wieder die Möglichkeit geben, in einer unserer Lokalredaktionen anzurufen und zu fragen: Was ist denn bei euch los, ein Leser behauptet dieses oder jenes. Das mag nicht stimmen, aber es gibt mir immer wieder Anlass, nachzufragen. Dadurch haben wir auch schon einiges im Verlag und in den Redaktionen verbessern können.

// Vielen Dank, Herr Ippen, für Ihre Zeit und das aufschlussreiche Gespräch.

Was macht eigentlich Dirk Ippen?

24.11.2021

Herr Ippen, von Martin Luther stammt das Zitat „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Würden Sie heute, in Zeiten von Corona und Digitalisierung, noch eine Zeitung gründen?

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